Emanzipatorische Menschen der Tierbefreiungsbewegung haben bereits mit ihrer deutlichen Distanzierung von der PeTA-Kampagne “Der Holocaust auf Ihrem Teller” die Verwendung von Begriffen und Vergleichen, wie “KZ” oder “Holocaust”, um Tierleid zu skandalisieren, kritisiert.
[...]Ihr seid doch alle Heuchler,ihr esst jeden Tag Tier-KZ Produkte vom huhn,kuh,schwein im döner,mäc,aldi etc,scheißt dabei auf eure moral(weils billiger und bequemer ist)und wenn es um süße hunde geht wird wider rumgeflennt…!!!
Die Diskussion, die durch einen Beitrag eines KTS-nahen “Haus-DJs” in einem sozialen Netzwerk ruft erneut die Debatte auf den Schirm, die innerhalb der emanzipatorischen Tierbefreiungsbewegung bereits geführt wurde. Hier ging es um die PeTA-Kampagne “Der Holocaust auf Ihrem Teller”, doch die leichtfertige Verwendung mit der Absicht zu Provozieren und um auf Tierleid aufmerksam zu machen bedarf allen Anscheins nach einer weiteren Auseinandersetzung und Debatte. Anhand vier Absätze aus der Erklärung der AG des Tierbefreiungstreffens in Hamburg wollen wir das Statement zu Verwendung von KZ-Vergleichen mit unserer Einschätzung der aktuellen Situation auffrischen, und dabei auch auf das Problem für die Tierbefreiungsbewegung eingehen:
(1) Der von PETA angestellte Vergleich der Shoah mit der sytematischen Ermordung von Tieren in Schlachthöfen trennt die Verbrechen der Deutschen während Nationalsozialismus von ihrem historischen Zusammenhang. Dieser Zusammenhang soll hier kurz erläutert werden, um unsere Kritik an dieser Form der Enthistorisierung zu verdeutlichen. In Deutschland entwickelte sich im späteren neunzehnten Jahrhundert eine neue Form des Antisemitismus, die in der historischen Tradition jahrhundertelang innerhalb der gesamten christlich-westlichen Zivilisation vorherrschenden Antijudaismus steht. Dieser neue, eliminatorische Antisemitismus projiziert alle negativen Erscheinungen des erstarkenden Kapitalismus auf Jüdinnen und Juden, weist ihnen eine Schuld für sämtliche Auswirkungen der neu entstandenen industriellen Ordnung zu, die die bislang etablierte vormoderne Gesellschaftsordnung ablöste, und sucht ihrer durch Vernichtung Herr zu werden. Im antisemitischen Weltbild wird „den Juden“ eine große Macht zugesprochen. Sie werden als die im Hintergrund wirkenden entwurzelten Kräfte gesehen, die die Fäden der Weltgeschichte in der Hand halten. Sie stehen in dieser Ideologie sowohl hinter den kapitalistischen wie auch den sozialistischen Mächten, verkörpern also in beiden Varianten die unbegriffene abstrakte Seite der Moderne, die an ihrer Person konkret vernichtet werden soll. Deswegen ist die Ausrottung der Jüdinnen und Juden für den Antisemiten auch nicht Mittel zum Zweck, sondern Zweck an sich.
So sei nach den Worten der Tierbefreienden der:
(2)[...] wesentlicher Unterschied zwischen der Vernichtung der Jüdinnen und Juden durch den Holocaust und der Ermordung von Tieren in den Schlachthöfen deutlich. Die Schlachthöfe funktionieren nach einem ökonomischen Prinzip. Die Hühner, Kühe, Schweine, etc. sollen nicht vernichtet werden, aus ihnen/durch sie soll Wert produziert werden. Ihre Tötung ist nicht Zweck an sich, sondern der Zweck ist die Produktion von Fleisch, die Produktion von „Nahrung“ für die Menschen. Doch nicht nur aufgrund des analytischen Unterschiedes und des faktisch falschen Vergleichs zwischen Shoah und Schlachthaus ist die PETA-Kampagne nicht tragbar. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Antisemitismus aus den Köpfen der Menschen noch keinesfalls verschwunden ist, sondern sich in einem sekundären Antisemitismus manifestiert. Dieser zeigt sich in Deutschland vor allem in Form einer Verdrängung der Schuld, einer Relativierung der Geschehnisse während des Nationalsozialismus und in der modernen Tarnung des Antizionismus. Eine Instrumentalisierung des Holocaust aus werbestrategischen Gründen, wie sie PETA praktiziert, trifft auf genau diesen Boden und kommt dem deutschen Bedürfnis nach einer Entsorgung der Vergangenheit entgegen.
Der Geschichts-relativierende Charakter von KZ-Vergleichen wurde von den Tierbefreiend verdeutlicht. Die Bedeutung der historischen Singularität des Holocaust in der Geschichte wurde vor dem Hintergrund des Antisemitismus in Deutschland bestätigt und die Gefahr, die solche Vergleiche bergen, sollte kritischen Leser_innen bewusst geworden sein. Unsere Kritik an der Wortwahl und an KZ-Vergleichen richtet sich nicht gegen Personen als Individuum. Wir sehen diese Situation stellvertretend für Bezüge von Einzelpersonen und Gruppen, die mit durchaus kontroversen Mitteln versuchen die Widersprüche in der speziesistischen Gesellschaft aufzuzeigen. Das der Zweck jedoch nicht die Mittel heiligt halten wir nicht für eine bloße Binnenweisheit. Vielmehr ist es ein hohes Maß an (Selbst-)Reflektion, welches viele Menschen dazu bewegt hat die Tierbefreiung zu einer emanzipatorischen Bewegung zu formen. Welche Auswirkungen solche Vergleiche haben können, zeigt sich auf, wenn auf den anthropozentrischen Ansatz der Kritik an der PeTA-Kampagne eingegangen wird:
(3) [...]Ein Großteil der derzeitigen Kritik an der PETA-Kampagne enthält wenig Auseinandersetzung mit der Singularität der Shoah. Anstatt diese herauszustellen und auf die Historizität des Vernichtungs-Antisemitismus zu verweisen, dessen ideologisches Fundament sich – wie oben dargestellt – grundlegend von dem der Degradierung, Verachtung und Ausbeutung von Tieren unterscheidet, wird nicht selten versucht, das Bild des Menschen in der Unterscheidung zu Tieren zu bewahren. Nicht die Einzigartigkeit des Holocaust wird in den Mittelpunkt gestellt, sondern die Einzigartigkeit des Menschen. Die Reaktion der Medien ist bislang einhellig: „Kadaver toter Schweine” dürfen nicht gleichzeitig mit einem „Leichenberg” auf Plakaten erscheinen, ist in der Jungle World (Nr.50, 3.12.03) zu lesen. Die TAZ beschwert sich darüber, dass es für die Mitglieder von PETA „keine Unterschiede zwischen Mensch und Tier“ gibt. Spiegel-Online (vom 14.11.03) hält die PETA-Kampagne für schlicht „menschenverachtend”. Eine derart verkürzte Kritik geht am eigentlichen Thema des Vergleiches von eliminatorischem Antisemitismus in NS-Deutschland und der institutionellen Gewalt sowie dem industriellen Mord an Tieren vorbei. Darüber hinaus wird die Unterdrückung von Tieren innerhalb der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse nicht thematisiert. Was zu stören scheint, ist das In-Bezug-Setzen von Gewalt gegen Tiere und Gewalt gegen Menschen. PETAs plakative Gleichsetzung der äußerlichen Phänomene von Shoah und Schlachthofgesellschaft erzeugt im anthropozentrischen Geist eine Kränkung des menschlichen Selbstbildes. Der aktuelle Diskurs bedient also hauptsächlich die öffentliche Empörung, die durch den Schock der Thematisierung des Massenmordes an Tieren ausgelöst wird.
Es ist ersichtlich, dass die provozierende Verwendung von Begriffen, die die historischen Geschehnisse mit der aktuellen Tierausbeutung vergleichen, kontraproduktiv für die sein kann, denen Tierbefreiung wichtig ist. So bleibt der Prozess der Aufklärung nach der Provokation oft stehen, denn die Oberflächenkritik, z.B. an der Tier-Mensch-Gleichsetzung von PeTA, die dadurch erzeugt wird, kann eine ausgiebige Auseinandersetzung mit Tierausbeutung in der kritischen Öffentlichkeit verhindern. Die Untragbarkeit und Perversität mit der die Tierausbeutungs-Industrie ihr Geld verdient und die radikale Kritik an den Verhältnissen und an der speziesistischen Gesellschaft, die diese Industrie trägt und legitimiert, sollte eigentlich notwendig sein. Dennoch treten die wirklichen Belange in Diskussionen, die durch antisemitischen, oder sexistischen Inhalt hervorgerufen werden, oft in den Hintergrund. Eine längst fällige Selbstkritik und Selbstreflektion der (Ess-)Gewohnheiten – auch in weiten Teilen der Linken – könnte dadurch erschwert werden, da sich die Betroffenen in ständiger Erklärungsnot zu glauben wissen. KZ-Vergleiche und ähnliches sollten Menschen keine Möglichkeit geben, die Tierbefreiungsbewegung als anti-emanzipatorisch, antisemitisch und irrsinnig vor zu verurteilen und ihre Belange weniger in eine Selbst- und Gesellschaftskritik einzubeziehen. Diese Entwicklung wäre entgegen unserem Willen, und wir sehen uns als Teil dieser Bewegung, die eine kritische Auseinandersetzung als Voraussetzung dafür sieht, die bestehenden Verhältnisse ändern zu können:
(4) Eine Kritik an den tierfeindlichen Verhältnissen dieser Gesellschaft sollte sich darauf konzentrieren, das Wesen von Tierausbeutung zu analysieren, anstatt ihre Phänomene zu vergleichen. Ziel der Tierbefreiungsbewegung muss stets auch eine umfassende Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse sein, mit dem speziellen Augenmerk auf die Verwobenheit des Speziesismus mit anderen Macht- und Herrschaftsformen. Als speziesistisches Grundprinzip sehen wir die dualistischen Konstruktionen von „der Mensch“ und „das Tier“ und die Zuschreibungen, die diesen scheinbar gänzlich unvereinbaren Kategorien anhaften. So werden Gemeinsamkeiten negiert und Unterschiede überbetont. Diese Logik greift auf ein grundlegendes binäres Denkmuster zurück, das ein wesentliches Merkmal abendländischen Denkens ist. Dass diese Logik den gesamten Kulturkreis durchzieht, und deshalb in der Analyse mit anderen Herrschaftsformen zu verbinden ist, lässt sich an weiteren Dualismen erkennen, die in ihrer sozialen Konstruktion dem Mensch/Tier-Dualismus ähnlich sind und zum Teil auf ihn verweisen: Mann/Frau, Kultur/Natur, Vernunft/Instinkt, Geist/Körper, etc. Die Befreiung der Tiere aus dem gesellschaftlichen Unterdrückungsverhältnis bedeutet für uns eine grundsätzliche Kritik an ihrer Verdinglichung und die Beendigung ihrer Nutzung. Die alltägliche Ausbeutung, Unterdrückung und Ermordung von Tieren durch die menschliche Gesellschaft spricht für sich selbst und bedarf keiner Skandalisierung. Ihre Abschaffung muss Grundbedingung einer wahrhaft emanzipierten Gesellschaft sein. Als Tierbefreiungsbewegung, die sich diesem Gedanken verpflichtet fühlt, lehnen wir PETAs Ansatz und den Vergleich mit dem Holocaust grundsätzlich ab.
Wir teilen diese Einschätzung einiger Tierbefreienden. In diesem Kontext wollen wir erneut betonen, dass wir uns ebenfalls gegen jegliche Form von Herrschaft und Ausbeutung stellen und uns von derartigen Vergleichen, die die Grausamkeit der Menschen- und Tierverachtenden Verhältnissen verschleiern könnten, in unserer Orientierung nicht ablenken lassen. Denn diese Vergleiche tragen letztendlich ihren Teil dazu bei, den status quo der speziesistischen Herrschaft zu erhalten, da sie eine kritische Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit erschweren. Sie bedienen lediglich eine reformistische Lobby, wie z.B. der Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen wie PeTA, deren Mittel der politischen Arbeit wir nicht wählen, um eine befreite Gesellschaft für Menschen und für nichtmenschliche Tiere zu erreichen. Eine deutlich linksradikale und emanzipatorische Positionierung der Tierbefreiungsbewegung sollte auch in Anbetracht der Aussetzer dieser Bezüge jedoch nicht in Frage gestellt werden.
Wir sind gegen Geschichtsrelativierung und dafür die verschiedenen Ausbeutungsformen bei ihren Namen zu nennen, sie zu analysieren, um sie dann gemeinsam anzugreifen und abzuschaffen. Es ist nicht in unserem Sinne, wenn mit womöglich antisemitischen Phrasen, oder sexistischen Motiven, auf Tierausbeutung aufmerksam gemacht wird. Unserer Einschätzung nach gibt es weitaus sinnvollere Mittel und Wege Aufmerksamkeit für diese Thematik zu erlangen und dabei eine gesamtkritische Debatte zu führen. Kurzum:
Wir wollen Gräueltaten nicht miteinander gleichsetzen, sondern sie alle verhindern.
Gegen Antisemitismus und für Tierbefreiung!
Antispeziesistische Aktion Freiburg.